ESG-Berichterstattung für Schweizer KMU: Was 2026 gilt und was kommt
Quick Answer
ESG-Berichterstattung für Schweizer KMU 2026: OR Art. 964b, CSRD-Auswirkungen auf Schweizer Lieferketten, VSME-Standard erklärt und Massnahmen-Checkliste für KMU vor Q4 2026.
Zwei regulatorische Stränge ziehen 2026 gleichzeitig an Schweizer KMU. Der erste kommt aus dem Inland: Das Obligationenrecht (OR Art. 964b) setzt die Rahmenbedingungen für nichtfinanzielle Berichterstattung, und das vorgeschlagene Bundesgesetz über Sorgfaltspflichten und Transparenz (NUFG) befindet sich noch bis Juli 2026 in der öffentlichen Vernehmlassung. Der zweite Strang ist europäisch: Die EU-Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) zieht Schweizer Lieferanten mittelbar in Berichtspflichten hinein, ganz unabhängig von Unternehmensgrösse oder Domizil. Für Unternehmen, die exportieren, an Grosshändler liefern oder eng mit EU-Konzernen zusammenarbeiten, ist das eine CFO-Priorität, die sich nicht auf 2027 verschieben lässt.
Was das Schweizer Recht heute verlangt: OR Art. 964b und das NUFG
Wer unterliegt heute einer gesetzlichen Berichtspflicht? Nach OR Art. 964b gilt die nichtfinanzielle Berichterstattungspflicht für Unternehmen, die zwei von drei Schwellenwerten überschreiten: CHF 40 Millionen Umsatz, 500 Mitarbeitende oder CHF 20 Millionen Bilanzsumme. Für die grosse Mehrzahl der Schweizer KMU bleiben direkte gesetzliche Berichtspflichten damit vorerst aus. Das Bild verschiebt sich jedoch.
Das NUFG, das bis Juli 2026 in der Vernehmlassung läuft, würde Sorgfaltspflichten in der Lieferkette sowie Umweltoffenlegungsanforderungen einführen, die deutlich tiefer in den KMU-Sektor hineinreichen. Der aktuelle Entwurf setzt die direkte Berichtspflicht für Grossunternehmen bei rund 1'000 Mitarbeitenden an. Die damit verknüpften Lieferkettenanforderungen schaffen jedoch mittelbare Verpflichtungen für kleinere Unternehmen, die mit betroffenen Einheiten zusammenarbeiten.
Zusätzlich schreibt das Schweizer Recht seit Januar 2024 unter OR Art. 964a vor, dass Unternehmen mit börsenkotierten Wertpapieren in der Schweiz oder mehr als 500 Vollzeitäquivalenten über klimabezogene Risiken nach TCFD berichten müssen. Für nicht kotierte KMU unter 500 VZÄ greifen diese Bestimmungen derzeit nicht direkt. Die entscheidende Frage für 2026 ist nicht, ob das Schweizer Recht eine Berichterstattung erzwingt – sondern ob Kunden, Investoren oder Kreditgeber dies bereits tun.
Wie die EU-CSRD Schweizer KMU betrifft, die die Schwellenwerte nicht erreichen
Hier liegt der wichtigste Punkt für exportorientierte KMU: Die EU-CSRD erzeugt de facto Berichtspflichten für Schweizer Lieferanten über Kundenbeziehungen, unabhängig vom Domizil und unabhängig von der Unternehmensgrösse.
Der Mechanismus ist konkret. EU-ansässige Grossunternehmen (250+ Mitarbeitende, €40M+ Umsatz oder €20M+ Bilanzsumme), die der CSRD unterliegen, müssen ihre gesamten Wertschöpfungsketten-Emissionen offenlegen – inklusive Scope 3, also die indirekten Emissionen ihrer Zulieferer. Liefert ein Schweizer KMU Waren oder Dienstleistungen an ein solches Unternehmen, ist der Kunde faktisch gezwungen, Scope-1- und Scope-2-Emissionsdaten von seinen Lieferanten einzufordern. Grosse Schweizer Detailhändler wie Coop und Migros haben diese Datenanforderungen an ihre Lieferanten bereits in der ersten Jahreshälfte 2026 aufgenommen.
Was bedeutet das in der Praxis? Wenn auch nur ein Kunde Ihres Unternehmens EU-Aktivitäten hat und mehr als 250 Mitarbeitende beschäftigt, sind ESG-Datenanfragen wahrscheinlich bereits eingegangen oder werden es bald sein. Schweizer Exporteure, Fertigungslieferanten, Logistikdienstleister und IT-Unternehmen sind besonders stark betroffen. Das Risiko der Nicht-Antwort ist keine Geldbusse – es ist der Verlust des Tier-1-Lieferantenstatus oder die Ablösung durch einen Wettbewerber, der seine ESG-Berichtsinfrastruktur bereits aufgebaut hat.
Der VSME-Standard: Ihr praktischer Berichtsrahmen für 2026
Welcher Rahmen ist für ein KMU ohne eigene Nachhaltigkeitsfunktion am geeignetsten? Der VSME-Standard, von EFRAG speziell für KMU entwickelt, ist im Jahr 2026 der praktischste verfügbare Ansatz für Unternehmen, die auf ESG-Datenanfragen reagieren müssen.
Der Standard umfasst zwei Module. Das Basismodul deckt einen überschaubaren Satz an Pflichtangaben ab: Treibhausgasemissionen (Scope 1 und 2), Energieverbrauch, Belegschaftskennzahlen (Kopfzahl, Gender Pay Gap, Verletzungsraten) sowie eine knappe Beschreibung wesentlicher Umwelt- und Sozialrisiken. Das Modul ist so konzipiert, dass es vom Finanzteam ohne spezialisiertes Nachhaltigkeitswissen ausgefüllt werden kann – und es deckt direkt die Datenanfragen ab, die Grosskunden im Rahmen ihrer CSRD-Scope-3-Pflichten an ihre Lieferanten richten.
Das Narrative-PAT-Modul geht weiter und enthält detailliertere Angaben zu ESG-Richtlinien, Zielen und Auswirkungen. Es ist relevant für KMU, die eine nachhaltigkeitsgebundene Finanzierung anstreben oder sich auf einen möglichen CSRD-Scope-Eintritt vorbereiten. Schweizer Banken bieten zunehmend günstigere SARON-gekoppelte Kreditkonditionen für KMU an, die eine zertifizierte ESG-Performance nachweisen können.
Drei operative Eingaben sind für das Basismodul erforderlich – und die meisten Schweizer KMU erfassen diese bisher nicht systematisch: Gesamtenergieverbrauch nach Energieträgern (Strom, Gas, Treibstoff), gesamte direkte CO₂-Äquivalent-Emissionen aus eigenen Betriebsquellen sowie eine Kopfzahlaufschlüsselung nach Vertragstyp und Geschlecht. Eine strukturierte Compliance-Prüfung mit Ihrer Buchhaltungs- und Controllingfunktion ist der effizienteste Ausgangspunkt für den Aufbau dieser Datenflüsse.
Was Schweizer KMU bis Ende 2026 tun müssen
Für die meisten Schweizer KMU ist 2026 das Jahr des Infrastrukturaufbaus – noch nicht der vollständigen Publikation eines öffentlichen Berichts. Eine priorisierte Massnahmensequenz:
- Betroffenheitsanalyse bis Oktober 2026. Kartieren Sie Ihren Kundenstamm und identifizieren Sie, welche Kunden der CSRD unterliegen. Wenn mehr als 20% Ihres Umsatzes von CSRD-pflichtigen Unternehmen stammen, sind ESG-Datenanfragen innerhalb von 12 Monaten zu erwarten.
- Scope-1- und Scope-2-Erfassung einrichten. Installieren Sie einen einfachen monatlichen Erfassungsprozess für Stromverbrauch (kWh), Gasverbrauch (m³) und Firmenfahrzeug-Treibstoffverbrauch (Liter). Ihre Energielieferantenrechnungen enthalten bereits den Grossteil dieser Daten.
- HR-Berichterstattung aktualisieren. Das VSME-Basismodul erfordert eine Kopfzahlaufschlüsselung nach Vertragstyp und Vollzeitäquivalenten sowie eine einfache Gender-Pay-Gap-Berechnung. Für KMU mit weniger als 50 Mitarbeitenden lässt sich diese Aufstellung aus bestehenden Lohndaten in zwei bis drei Stunden zusammenstellen.
- VSME-Basisrahmen für einen ersten internen Bericht anwenden. Eine erste interne VSME-Basiserklärung – auch ohne externe Publikation – legt Ihre Ausgangsbasis fest, identifiziert Datenlücken und gibt Ihnen eine glaubwürdige Antwort auf die nächste Kunden-ESG-Anfrage.
- Nachhaltigkeitsgebundene Finanzierungsoptionen prüfen. Wenn Sie Schulden vor Ende 2026 refinanzieren, fragen Sie Ihre Bank, ob ESG-gebundene Konditionen verfügbar sind. Der Zinsvorteil liegt typischerweise bei 10-25 Basispunkten – bei Kreditvolumen ab CHF 1 Million ist das erheblich.
ESG-Bereitschaft als Wettbewerbsvorteil: Über die Compliance hinaus
Unternehmen, die ESG-Bereitschaft als unternehmerische Fähigkeit und nicht als Compliance-Übung verstehen, identifizieren regelmässig zwei Kategorien von finanziellem Nutzen: Kostensenkung und kommerzielle Positionierung.
Auf der Kostenseite deckt der Datenerhebungsprozess für das VSME-Basismodul fast immer Energieineffizienzen und Beschaffungsverschwendung auf, die zuvor unsichtbar waren. Schweizer KMU, die ein erstes Scope-1- und Scope-2-Audit abgeschlossen haben, berichten über operative Einsparungen von CHF 15'000-80'000 pro Jahr durch vergleichsweise einfache Massnahmen: Tarifneuverhandlungen, LED-Beleuchtungsumrüstungen, partielle Flottenelektrifizierung und Lieferantenkonsolidierung.
Auf der kommerziellen Seite ist ESG-Bereitschaft zunehmend eine Anforderung in öffentlichen Ausschreibungen, eine Bedingung für den bevorzugten Lieferantenstatus bei Grosshandels- und Detailhandelskunden sowie ein Faktor bei Finanzierungskonditionen von Schweizer Kantonalbanken und nationalen Institutionen wie den Bürgschaftsgenossenschaften. Für KMU, die einen zukünftigen Exit planen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: ESG-Bereitschaft ist ein Bewertungsfaktor. Käufer – insbesondere internationale strategische Erwerber und Private-Equity-Firmen – führen heute routinemässig ESG-Due-Diligence durch. Ein Unternehmen mit dokumentierten Emissionsdaten und sauberen HR-Kennzahlen zieht einen breiteren Pool qualifizierter Käufer an und reduziert Reibungsverluste im Due-Diligence-Prozess. Ein Fractional CFO von Scalemetrics kann dabei helfen, diese Berichtsgrundlagen effizient aufzubauen, ohne den Overhead einer Vollzeitstelle für Nachhaltigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Gilt die ESG-Berichterstattung für mein Schweizer KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden?
Direkte gesetzliche Berichterstattungspflichten nach OR Art. 964b greifen nur, wenn zwei von drei Schwellenwerten erfüllt sind: 500 Mitarbeitende, CHF 40M Umsatz oder CHF 20M Bilanzsumme. Darunter schreibt das Schweizer Recht derzeit keine ESG-Offenlegung vor. Wenn Ihre Kunden jedoch CSRD-pflichtige Grossunternehmen sind, erhalten Sie Scope-1- und Scope-2-Datenanfragen als Teil von deren Lieferketten-Berichterstattung – unabhängig von Ihrer Grösse.
Was ist der VSME-Standard und ist er für Schweizer KMU verpflichtend?
Der VSME-Standard (Voluntary SME Reporting Standard) wurde von EFRAG als proportionierter ESG-Berichtsrahmen für KMU entwickelt. Nach aktuellem Recht ist er für Schweizer KMU nicht verpflichtend. Er ist jedoch der am weitesten akzeptierte Rahmen für die Beantwortung von ESG-Datenanfragen CSRD-pflichtiger Kunden, und sein Basismodul deckt direkt die Scope-3-Daten ab, die grosse EU-Unternehmen von ihren Lieferanten einholen müssen.
Was sind Scope-1- und Scope-2-Emissionen für ein Schweizer KMU?
Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus Quellen, die Ihr Unternehmen besitzt oder kontrolliert – zum Beispiel Erdgas zur Beheizung Ihrer Räumlichkeiten oder Treibstoff für Firmenfahrzeuge. Scope 2 umfasst indirekte Emissionen aus eingekauftem Strom und Wärme. Scope 3 (Lieferketten-Emissionen) ist komplex und wird in der Regel nur von Grossunternehmen oder bei spezifischen vertraglichen Verpflichtungen verlangt.
Wie lange dauert die Erstellung eines ersten VSME-Basisberichts?
Für ein Schweizer KMU mit 10-100 Mitarbeitenden und standardmässiger Buchhaltung dauert die Datenerhebung für einen ersten VSME-Basisbericht typischerweise 15-25 Stunden interner Arbeitsaufwand, verteilt auf zwei bis vier Wochen. Der Hauptaufwand liegt in der Beschaffung von 12 Monaten Energieverbrauchsdaten aus Lieferantenrechnungen und der Zusammenstellung von HR-Kopfzahldaten aus der Lohnbuchhaltung. Sobald die Dateninfrastruktur steht, sind jährliche Aktualisierungen deutlich schneller möglich.
Was passiert, wenn ein Schweizer KMU ESG-Datenanfragen von Kunden ignoriert?
Es gibt keine direkte gesetzliche Sanktion nach Schweizer Recht. Das Risiko ist kommerzieller Natur: CSRD-pflichtige Grosskunden bevorzugen zunehmend Lieferanten, die verifizierte Emissionsdaten bereitstellen können. Nicht antwortende Lieferanten riskieren den Ausschluss aus Ausschreibungsprozessen, den Verlust bevorzugter Lieferantenprogramme oder schlechtere Bewertungen in Nachhaltigkeitsbeurteilungen, die in Beschaffungsentscheidungen einfliessen.
Das Scalemetrics-Team unterstützt Schweizer KMU dabei, solche Entscheidungen proaktiv zu treffen – bevor der Markt sich bewegt. Erfahren Sie mehr über unsere Budgetierung und Finanzprognosen oder entdecken Sie unsere CFO-Dienstleistungen für Schweizer Unternehmen.
