Steuerschulden und Sozialabgaben ku00f6nnen Ihr Schweizer KMU in den Konkurs treiben: die Lage 2026
Was sich am 1. Januar 2025 geändert hat
Seit dem 1. Januar 2025 gilt im Schweizer Schuldbetreibungsrecht eine Neuerung, die für jedes im Handelsregister eingetragene Unternehmen unmittelbare Konsequenzen hat. Die Absätze 1 und 1bis von Artikel 43 des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG) wurden aufgehoben – und damit fällt eine Schutzschranke, die öffentlich-rechtliche Forderungen wie Steuern, MWST, Sozialabgaben und Bussen jahrelang aus dem Konkursweg herausgehalten hatte (Quelle: SchKG-Revision, in Kraft ab 1. Januar 2025; BAZG).
Was bedeutet das konkret? Vor der Reform lenkte Art. 43 SchKG in seiner früheren Fassung öffentlich-rechtliche Forderungen in die Betreibung auf Pfändung, nicht in den Konkurs (Quelle: SchKG, ehemaliger Art. 43). Der Unterschied ist entscheidend. Beim Pfändungsverfahren werden bestimmte Vermögenswerte des Schuldners gesichert – das Unternehmen selbst konnte aber weiterarbeiten. Seit Aufhebung der Absätze 1 und 1bis folgen unbezahlte öffentlich-rechtliche Schulden bei eingetragenen Schuldnern nun demselben Konkursweg wie gewöhnliche Geschäftsschulden (Quelle: SchKG-Revision in Kraft ab 1. Januar 2025; BAZG). Die Reform verfolgte teils das Ziel, missbräuchliche Insolvenzen einzudämmen – doch ihre Wirkung trifft jeden eingetragenen KMU-Betrieb ohne Ausnahme.
Pfändung gegen Konkurs: warum der Unterschied zählt
Die Pfändung entfernt einen Vermögenswert. Der Konkurs beendet das Unternehmen. Das ist keine Übertreibung, sondern der juristische Kern der Änderung.
Unter dem alten Regime konnte ein öffentlicher Gläubiger auf einzelne Aktiven zugreifen, während das Unternehmen seinen Betrieb fortführte und sich theoretisch wieder zur Zahlungsfähigkeit zurückarbeiten konnte. Diese Möglichkeit ist für Steuern und Sozialabgaben nun weggefallen. Der Konkurs löst die vollständige Liquidation aus – er beendet die Geschäftstätigkeit, sobald der Weg einmal eingeschlagen ist. Für eine Unternehmerin oder einen Unternehmer ist das ein fundamentaler Unterschied: Was früher eine schmerzhafte, aber überlebbare Pfändung bedeutete, kann heute bei ausbleibendem Ausgleich direkt zum Ereignis werden, das den Betrieb schliesst. Öffentliche Gläubiger wie Steuerbehörden und Sozialversicherer sind nun gehalten, ihre Forderungen auf diesem Weg zu verfolgen. Der Spielraum, auf den so manches KMU früher still gehofft hatte, existiert nicht mehr.
Welche Verbindlichkeiten jetzt am gefährlichsten aufzuschieben sind
Die Reform erfasst genau die öffentlich-rechtlichen Forderungen, die in einem knappen Monat zuerst auf der Streichliste stehen: MWST, direkte Steuern, AHV-, IV-, EO- und BVG-Beiträge sowie Bussen (Quelle: SchKG-Revision, 1. Januar 2025; juristische Kommentare).
Das sind nicht zufällig diese Positionen. Ein Lieferant, der nicht pünktlich bezahlt wird, ruft an. Die Steuerverwaltung und die Pensionskasse hören nicht auf zu leisten – und sie mahnen selten schon am nächsten Tag. Genau das machte das Aufschieben dieser Zahlungen lange zu einer verbreiteten, wenn auch riskanten Praxis bei liquiditätsschwachen Betrieben. Seit 2025 ist dieses Risiko nicht mehr dasselbe. Wer die MWST, die er bereits von Kunden eingezogen hat, aufschiebt oder die Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteile der Pensionskassenbeiträge zurückhält, finanziert den Betrieb faktisch mit Geld, das nicht ihm gehört. Die Vollstreckungsfolge ist seither kein Pfändungsbescheid mehr, sondern ein Konkursbegehren. Diese Verpflichtungen sauber über Ihre Buchhaltung und Zahlungen abzuwickeln ist heute eine Frage der Zahlungsfähigkeit – nicht nur der Compliance.
Warum sich das in den Konkurszahlen zeigt
Die Schweizer Unternehmenskonkurse bewegen sich 2026 auf Rekordniveau – und die Vollstreckungsänderung ist einer der erkennbaren Treiber dahinter.
Im ersten Quartal 2026 wurden rund 3'074 Unternehmen zahlungsunfähig gemeldet, was einem Anstieg von etwa 106% gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht (Quelle: Dun & Bradstreet, gemäss Berichterstattung). Über das gesamte erste Halbjahr 2026 liegt der Zuwachs in der Grössenordnung von 60% (Quelle: Creditreform, gemäss Berichterstattung). Allianz Trade rechnet für das Gesamtjahr mit rund 14'000 Fällen – dem sechsten Anstieg in Folge (Quelle: Allianz Trade, gemäss Berichterstattung).
Analysten führen einen erheblichen Teil dieses Anstiegs direkt auf die Vollstreckungsänderung von 2025 zurück. Öffentliche Behörden treiben unbezahlte öffentlich-rechtliche Schulden seither in den Konkurs statt in die Pfändung – ein Effekt, der sich verstärkt hat, als die kantonalen Ämter das neue Verfahren vollständig übernahmen (Quelle: Konkurskommentare zur SchKG-Reform). Der restliche Druck ist makroökonomischer Natur: gedämpftes Wachstum bei einer Schweizer BIP-Expansion von rund 1% für 2026 und zollbedingter Kostendruck auf Exporteure (Quelle: KPMG European Economic Outlook; NZZ KMU Barometer 2026, gemäss Berichterstattung). Am stärksten betroffen sind den Berichten zufolge Bau, Detailhandel und B2B-Dienstleistungen. Was das für ein einzelnes KMU bedeutet: Der Abstand zwischen einer vorübergehenden Liquiditätslücke und einem endgültigen Ereignis ist kleiner geworden. Frühes Erkennen von Belastungssituationen ist wichtiger als je zuvor.
Welche Liquiditätsdisziplin dies nun verlangt
Die praktische Antwort liegt in zwei Disziplinen. Erstens: Öffentlich-rechtliche Verbindlichkeiten als reserviertes Geld behandeln. Zweitens: Liquiditätsprobleme sehen, bevor die Mahnung eintrifft.
Zur ersten Disziplin: Die auf Ihren Verkäufen eingezogene MWST und die von Löhnen einbehaltenen Pensionsbeiträge sind kein frei verfügbares Betriebskapital. Sie als laufende Liquiditätsreserve zu behandeln, verwandelt einen beherrschbaren Engpass in ein Vollstreckungsereignis. Wer diese Beträge unmittelbar bei Anfall zurückstellt, statt erst kurz vor der Frist, entzieht sich der Versuchung.
Zur zweiten Disziplin: Eine rollende Liquiditätsplanung, welche die nächsten fälligen Steuer- und Sozialabgabenzahlungen den erwarteten Eingängen gegenüberstellt, verschafft Wochen Vorsprung. Diese Zeit reicht, um eine Finanzierung zu organisieren oder proaktiv eine Zahlungsvereinbarung anzustossen – bevor eine Frist versäumt wird. Das ist der Kern eines wirksamen Business Monitorings und Controllings: nicht den Engpass zu melden, nachdem er eingetreten ist, sondern ihn frühzeitig zu erkennen und abzuwenden.
Was ein Schweizer KMU jetzt tun sollte
Die richtigen Schritte sind vorbeugend. Beginnen Sie damit, die öffentlich-rechtliche Exponierung zu beziffern: Was schulden Sie über die nächsten zwei Quartale an MWST, direkten Steuern und Sozialabgaben? Wenn diese Zahlen keine Überraschung sein sollen, müssen sie bekannt sein, bevor die Frist näherrückt.
Priorisieren Sie diese Verpflichtungen in Ihrer Zahlungsplanung über diskretionäre Ausgaben – angesichts der neuen Vollstreckungsfolge ist das keine Frage des Komforts, sondern der Unternehmenserhaltung. Wenn ein echter Engpass bevorsteht, nehmen Sie früh Kontakt zur Steuerverwaltung oder zum Sozialversicherer auf. Zahlungsvereinbarungen und Ratenpläne sind oft möglich – aber nur, wenn das Gespräch vor Einleitung der Vollstreckung gesucht wird, nicht nach Einreichung eines Konkursbegehrens.
Halten Sie Ihre Buchhaltung aktuell. Eine Verbindlichkeit, die nicht erfasst ist, lässt sich auch nicht priorisieren. Für viele KMU liegt der Wert einer ausgelagerten Finanzfunktion genau hier: dass jemand diese Verpflichtungen und die Liquiditätslage gemeinsam im Blick hat und eine entstehende Lücke Wochen vor dem Quartalsende sichtbar macht – statt erst, wenn die Mahnung im Briefkasten liegt.
Die Vollstreckungsänderung von 2025 hat niemandes Steuerrechnung erhöht. Was sie verändert hat, sind die Kosten des verspäteten Zahlens. Für ein Schweizer KMU gehören unbezahlte MWST, Steuern und Sozialabgaben seither zu den direktesten Wegen von einem Liquiditätsproblem zu einem geschlossenen Betrieb. Diese Beträge von Anfang an als gebundene Mittel zu führen und die Liquiditätslage engmaschig genug zu verfolgen, um Engpässe frühzeitig zu erkennen, ist die wirksamste Verteidigung. Wenn Sie eine Finanzfunktion wünschen, die diese Verpflichtungen und Ihre Liquidität laufend zusammenführt, unterstützt Sie unser Team dabei, diese aufzubauen.
Häufig gestellte Fragen
Was genau hat sich 2025 im Schweizer Schuldbetreibungsrecht geändert?
Die Absätze 1 und 1bis von Artikel 43 des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG) wurden mit Wirkung ab dem 1. Januar 2025 aufgehoben. Diese Bestimmungen leiteten öffentlich-rechtliche Forderungen – darunter Steuern, MWST, Sozialabgaben und Bussen – in die Pfändung. Nach ihrer Aufhebung werden solche Forderungen gegen einen im Handelsregister eingetragenen Schuldner nun über den Konkurs durchgesetzt (Quelle: SchKG-Revision, in Kraft ab 1. Januar 2025; BAZG).
Welche Schulden können nun einen Konkurs eines KMU auslösen?
Betroffen sind öffentlich-rechtliche Forderungen: MWST und direkte Steuern, obligatorische Sozialabgaben einschliesslich AHV, IV, EO und die berufliche Vorsorge BVG sowie Bussen. Für im Handelsregister eingetragene Unternehmen werden diese Forderungen seither über den Konkurs statt über die Pfändung vollstreckt. Gewöhnliche Geschäftsschulden waren bereits zuvor über den Konkursweg durchsetzbar.
Gilt das für jedes Unternehmen?
Der Konkursweg gilt für im Schweizer Handelsregister eingetragene Schuldner – das umfasst die meisten Gesellschaften und viele Einzelfirmen oberhalb der Eintragungsschwelle. Die Reform hat geändert, wie öffentlich-rechtliche Forderungen gegen diese eingetragenen Schuldner durchgesetzt werden. Ist Ihr Status unklar, prüfen Sie Ihren Handelsregistereintrag: Er bestimmt, welcher Vollstreckungsweg auf Sie Anwendung findet.
Was passiert, wenn ich MWST oder Sozialabgaben nicht rechtzeitig zahlen kann?
Nehmen Sie so früh wie möglich Kontakt zur zuständigen Behörde oder zum Versicherer auf. Zahlungsvereinbarungen und Ratenpläne sind in vielen Fällen möglich – sie setzen aber voraus, dass das Gespräch vor Einleitung der Vollstreckung gesucht wird. Sobald ein öffentlicher Gläubiger den Konkursweg einschlägt, verengen sich Ihre Handlungsoptionen erheblich. Frühzeitige Kommunikation ist der wichtigste Schutzschritt.
Warum steigen die Schweizer Konkurse so schnell?
Berichtete Zahlen zeigen einen Anstieg der Unternehmenskonkurse um rund 106% im ersten Quartal 2026 und rund 60% über das erste Halbjahr, mit etwa 14'000 erwarteten Fällen für das Gesamtjahr (Quelle: Dun & Bradstreet; Creditreform; Allianz Trade, gemäss Berichterstattung). Kommentatoren führen einen grossen Teil des Anstiegs auf die Vollstreckungsänderung von 2025 zurück, wonach öffentliche Gläubiger unbezahlte Forderungen seither in den Konkurs statt in die Pfändung treiben. Hinzu kommt makroökonomischer Druck durch gedämpftes Wachstum und Zolleffekte auf Exporteure. Die Änderung hat den Druck nicht erzeugt – sie hat aber einen Puffer entfernt, der zuvor manche Ausfälle verzögerte.
Wie kann ein fraktionaler oder ausgelagerter CFO dabei helfen?
Die zentralen Schutzmassnahmen sind verhaltensbezogen und strukturell: öffentlich-rechtliche Mittel reservieren, Liquidität vorausschauend planen und die richtigen Zahlungen priorisieren. Eine ausgelagerte Finanzfunktion hält diese Verpflichtungen und die Liquiditätslage unter laufender Beobachtung – so wird ein drohender Engpass Wochen im Voraus sichtbar und lässt sich über eine Finanzierung oder eine Zahlungsvereinbarung lösen, statt erst beim Verstreichen einer Frist bemerkt zu werden.
